Über das Schreiben

Schreiben bedeutet für mich, Welten zu schaffen. Damit meine ich all jene Städte, Wälder, Kontinente und Universen, wo die Geschichten spielen, für die es im alltäglichen Leben keinen Platz gibt. Geschichten bedeuten Freiheit: die Freiheit, wild auf der Phantasie zu reiten oder sich sanft von ihr treiben zu lassen. Die Freiheit, alles möglich zu machen, von gleißenden Kristallgeschöpfen mit opalisierenden Schmetterlingsflügeln, die im Licht der sieben Monde ihre beste Sängerin zur Königin küren, bis hin zu ‚gewöhnlichen' Menschen, denen beim Abendspaziergang plötzlich ein freundlicher Borkenwichtel "Guten Tag!" sagt. Darum liebe ich die Phantastik in allen ihren Ausprägungen. Kein anderes Genre bietet der Phantasie so viele Möglichkeiten.

Ich sehe mich gerne als Handwerker, dessen hingebungsvoll aufpoliertes Produkt phantastische Geschichten sind. Schreiben ist für mich nicht nur ein freier, kreativer Prozess, sondern zugleich auch eine Technik, die man erlernen und durch Training verbessern kann – ein Handwerk eben. Das Ineinander von frei fließender Phantasie einerseits und disziplinierten Überarbeitungsschritten andererseits macht für mich den besonderen Reiz des Prozesses aus (auch wenn der zweite Schritt mitunter zermürbend sein kann ...). Seele und Geist greifen hier auf intensive Weise ineinander.

Als Rohmasse für meine Geschichten greife ich auf die Fülle zurück, die ich in der realen Welt vorfinde, und verfremde sie so, dass etwas reizvolles, spannendes, vielleicht auch irritierendes Neues entsteht. Gerne verwende ich die überlieferten Mythen und Archetypen der Welt, exotische Details vergangener historischer Epochen oder auch exzentrische Vertreter des Tierreichs als Quellen der Inspiration. Beim eigentlichen Schreiben mache ich zunächst nur eine skizzenhafte Gliederung und gehe dann gleich in die Vollen. Die Niederschrift des ersten Entwurfs ist für mich ein dynamischer Prozess, in dessen Verlauf ein Satz den anderen gebiert und sich noch viel ändern kann. Bauch und Intuition haben hier das Sagen. Erst beim Überarbeiten ergreift der Verstand dann wieder das Szepter, um das Dahingeflossene in eine konsistente Form zu bringen.

Meine Geschichten sollen in erster Linie unterhalten und den Leser einladen, in der Phantasie spazieren zu gehen oder sich auf abenteuerliche Expeditionen zu begeben. Besonders stolz bin ich, wenn es mir darüber hinaus gelingt, den Blick auf das Magische im Alltäglichen zu lenken oder Welten zu schaffen, die der Leser über die Geschichte hinaus in seiner eigenen Phantasie weiterspinnen mag. Wenn meine Geschichten die Phantasie ansprechen, ihr Reich vielleicht sogar durch neue Perspektiven erweitern, dann gebe ich das, was mir zugleich das liebste Geschenk ist.